Mai

Wonnemonat Mai. Im gleichen Monat des Vorjahres ist dieses Bild entstanden und es war sicher die spektakulärste Begegnung von allen hier gezeigten. Ach, nennen wir das ruhig beim Namen. Das hier war nicht weniger als eine Sensation für den laienhaften Hobby-Orni! Aber der Reihe nach. Wir befinden uns hier in der Wahner Heide, einem Naturschutzgebiet zwischen Köln, dem Bergischen und dem Rhein-Sieg-Kreis. Das Gebiet ist groß und besteht im Wesentlichen aus Waldstücken und vielfältigen Offenlandschaften, wie der namensgebenden Heide. Hier bietet gerade der Mai ein kleines El Dorado und von den Wanderwegen aus lassen sich wunderbar Goldammer, Neuntöter, Heidelerche, Grauschnäpper, Schwarzkehlchen, verschiedene Grasmücken (so nennt sich wirklich eine Vogelfamilie!) oder einige Spechtarten in der Landschaft entdecken. Das Bild ist dort aufgenommen, wo die Kölner PLZ von der Rösrather abgelöst wird und zeigt einen Wiedehopf. Ein wahrer Paradiesvogel mit seinen unterschiedlichen Mustern, dem langen Schnabel und dem kammartigen Kopfschmuck, welchen er in bestimmten Situationen aufstellt. Aber wieso ist das nun so besonders, den Wiedehopf bei uns zu sehen? Früher soll er auch bei uns ein gebietsweise häufiger Vogel gewesen sein, heute ist Deutschland in seinem Verbreitungsgebiet aber nahezu ausgespart. Einzig im Osten des Landes sowie in den besonders warmen Teilen Baden-Württembergs gehört er (teils dank engagierter Hilfsprojekte) zur regelmäßigen Fauna. Am Klima mag das weniger liegen, denn er bevorzugt es warm und trocken. Daher fühlt er sich vermutlich am Kaiserstuhl besonders wohl, wo er mitten in den Weinbergen brütet. Deutlich südlicher in Europa sieht man ihn häufig. Mitunter sogar in Stadtparks, wie in Valencia. Generell gehört er anderswo fest zur Vogelwelt. Nur eben in Deutschland sieht das anders aus. Und für NRW galt sogar bis vor wenigen Jahren: „seit den späten 70ern ausgestorben“. Einigen Quellen nach ist in den letzten 3-4 Jahren immer mal wieder ein Wiedehopf auch hier gesichtet worden. Außergewöhnliche Randerscheinungen bleiben sie aber trotzdem. Die Gründe für seine Abstinenz liegen in der fehlenden Nahrung und dem Verschwinden von geeigneten Brutplätzen. Spezialisiert auf große Insektenlarven oder Grillen ist es für ihn katastrophal, wie deren Bestand immer weiter zurück geht. Insektensterben ist eben keine Kleinigkeit, sondern nur der Beginn einer fehlenden Nahrungskette. Auf der anderen Seite findet man kaum noch alte Bäume, in denen der Wiedehopf Brutmöglichkeiten findet. Alles in allem ist so eine Sichtung daher am Aufnahmeort schon spektakulär.

Gleichermaßen verrückt ist auch, wie es überhaupt dazu gekommen ist. Ich war mit einem Gleichgesinnten in der Wahner Heide verabredet und das ganz sicher nicht wegen des Wiedehopfes. Auf Meldeplattformen im Internet werden Eintragungen zu ihm aufgrund seines besonderen Schutzstatus nicht öffentlich gemacht. Wir wussten also nicht einmal, dass er sich dort aufhält. Als mein Freund dann etwas später in der blühenden Ginsterlandschaft eintraf als ich, erzählte er mir erst einmal von einem Gespräch, welches er auf dem Weg mit einem Spaziergänger geführt hatte. Dieser hatte ihn angesprochen. Wohl weil Reinhard mit seinem Fernglas den richtigen Eindruck vermittelte, dass er sich mit Vögeln auskennt. Der Spaziergänger berichtete über eine „seltsam klingende Taube“ und versuchte, das von ihm gehörte Geräusch zu imitieren. Reinhard muss ihm daraufhin in etwa geantwortet haben:

„Junger Mann, was sie da so schön intonieren klingt nicht nach einer Taube, sondern nach einem Wiedehopf. Und den gibt’s hier leider nicht.“

An sich aufgrund der fehlenden Wahrscheinlichkeit keine falsche Antwort, auch wenn sich das zu unserer Begeisterung am Ende dann doch anders darstellen sollte. Als wir beide dann eine Weile die Wege abspazierten und uns über einige Neuntöter und Schwarzkehlchen freuten, kam uns der Spaziergänger entgegen.

„Hallo nochmal! Das, was sie eben mit dem Wiedehopf meinten, scheint zu stimmen. Habe eben ein Pärchen mit Ferngläsern getroffen und die haben mir erzählt, dass sie hier tatsächlich einen Wiedehopf vor ein paar Tagen gesehen haben.“

Immer noch ungläubig und auch ein bisschen amüsiert über die Situation sagte ich dann scherzhaft zu Reinhard:

„Na komm, dann gehen wir halt jetzt einen Wiedehopf fotografieren.“

Was klang wie eine Selbstverständlichkeit, war natürlich nur eine ironische Blödelei. Selbst wenn es wirklich stimmen sollte. Die Wahrscheinlichkeit, diesen Vogel in der großen Offenlandschaft dann auch zu finden, wäre ähnlich hoch, wie einen ausgefüllten Lotto-Schein mit 6 Richtigen auf dem Weg zu finden. Wir gingen den Weg dann etwa 30 Meter weiter bis ich plötzlich (und beinahe erschrocken) wie zu Stein erstarrte.

„Reinhard, da isser!!!“

Ein Satz, der uns im letzten Jahr noch oft zum Lachen gebracht hat. Zwischen dem blöden Scherz und dem Anblick des Paradiesvogels waren vielleicht gerade einmal zwei Minuten vergangen und jetzt lief er etwa 20 Meter vom Weg entfernt durch die Wiese und pickte sich eine Insektenlarve nach der nächsten aus dem Boden. Mehr Glück geht nicht. Das Ergebnis zeigt dir dein Kalender nun einen ganzen Mai lang und darüber freue ich mich total.

Ich hoffe, du freust dich auch, denn es ist mindestens eine echte Rarität. Nicht nur der Vogel an sich, sondern auch das Bild. Bis auf die, welche wir an diesem Tag selber gemacht haben, habe ich von „unserem“ Wiedehopf noch keine weiteren gesehen. Es wurde aber auch nicht viel darüber gesprochen, dass er da war.

Zum Abschluss dieser Begleitzeilen möchte ich noch explizit auf ein tolles Projekt aus Brandenburg hinweisen. Dort ist „Wiedehopfen“ ansässig, mit einer Idee ganz nach meinem Geschmack. Unabhängig und handwerklich gebrautes Bier erwerben und damit ein Programm zur Unterstützung des Wiedehopfs finanzieren? Klingt fantastisch und ist es auch. Der Link dazu steht weiter unten.

Es wäre schön, wenn irgendwann so eine Begegnung, wie wir sie hatten, etwas weniger spektakulär und ein bisschen mehr normal werden würde. Auch in NRW.

Weitere Impressionen dieses denkwürdigen Moments.

Mehr zum Wiedehopf?

Der Wiedehopf beim NABU

https://www.avi-fauna.info/hopfvoegel/wiedehopf

Der Wiedehopf bei der Heinz-Sielmann-Stiftung

Wiedehopfen kaufen und dem Wiedehopf helfen!

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